Wege und Strategien aus der Krise – Experten-Interview mit Anna Hainzlmaier | Entfaltungsraum Beratung

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[München – 30.03.2020] Wir fragen – HR-Experten mit diversen fachlichen Hintergründen antworten. Diese reflektierten Perspektiven und Einschätzungen sollen ein Stück weit dazu beitragen, die aktuell für viele unübersichtliche Situation im Zuge der Corona-Krise und die damit verbundene Informationsflut etwas besser zu sortieren: Was sind direkte Auswirkungen, substantielle Herausforderungen, aber auch welche Strategien braucht es und wo ergeben sich Chancen. Es gilt, für uns alle besser zu verstehen, was nun wirklich wichtig ist – speziell für Startups und KMU, aber auch für andere Organisationen. 

Für die Führungskräfte werden die Themen ‘Kommunikation’, ‘Krisenmanagement’ und ‘Begleitung in der Veränderung” zentraler als je zuvor.”

Was tun in der Corona-Krise? Wir fragen HR Experten zu den Herausforderungen, Strategien und Chancen 
(6) … heute mit: Anna Hainzlmaier von Entfaltungsraum | Beratung, Training, Coaching für HR

Anmerkung: Mit der im Folgenden verwendeten Bezeichnung “kleinere Unternehmen” sind primär Startups, KMU und auch Non-Profit-Organisationen in einer Beschäftigtengrößenklasse von bis zu 50 Mitarbeitern gemeint. Gleichwohl treffen die von den Experten genannten Aspekte vielfach auch auf größere Organisationen mit mehreren Hundert oder Tausend Beschäftigten zu. 

Themenfeld: "Risiken, Herausforderungen und Auswirkungen der Krise"

staffboard: Anna, welche Herausforderungen siehst Du durch die aktuelle Corona-Krise auf (kleinere) Unternehmen zukommen, speziell im Kontext Deiner Expertise? 

Anna Hainzlmaier: Ich sehe zahlreiche Herausforderungen und gleichzeitig vielfältige Chancen. Natürlich gilt es zunächst einmal die Herausforderungen zu meistern. Bei manchen geht es um die pure Existenzsicherung. Andere kommen an extreme Belastungsgrenzen, da Mitarbeitende ausfallen, da sie erkrankt oder in Quarantäne sind und diese Personalengpässe von den bleibenden Mitarbeitenden aufzufangen sind. Auch gibt es Bereiche, wo das Arbeiten im Homeoffice nicht oder nur eingeschränkt möglich ist wie z.B. in sozialen Einrichtungen oder in Unternehmen mit Produktions- und Logistikabteilungen. Hier ist eine ausgeklügelte Koordination durch die Führungskräfte gefragt. Auch das Thema Homeoffice an sich hat einige Unternehmen völlig überrollt, da die IT Infrastruktur dafür nicht vorhanden ist und die Mitarbeitenden nicht daran gewöhnt waren, sich selbst zu strukturieren und somit sich das Verhalten und Arbeiten in dieser neuen Arbeitsform zuerst einmal einspielen muss. Hinzu kommen die erschwerten Bedingungen, dass Mitarbeitende gar nicht voll arbeitsfähig sind, da es zeitgleich ihre Aufgabe ist, ihre Kinder zu betreuen und zu beschulen. Da bleibt in vielen Familien aktuell wenig Raum fürs “Durchatmen” und “Verschnaufen”

Warum ist das aus Deiner Sicht “mission critical” für viele (kleinere) Unternehmen und damit potentiell gefährlich für deren Fortbestehen?

Einige Unternehmen haben zu wenig Rücklagen gebildet, was aktuell natürlich die Liquidität enorm einschränkt und bis zum existenziellen Aus führen kann. Hinzu kommt, dass einige Branchen stärker als andere betroffen sind. Hier spielt der zeitliche Faktor, also wie lange uns Corona beschäftigen wird, eine entscheidende Rolle. Die zentrale Frage ist doch bei den meisten: “Wie lange halten wir das finanziell durch?” und die damit verbundene Hoffnung, dass die von der Politik getroffenen Maßnahmen schnell greifen und die Forschung uns möglichst bald mit einem Impfstoff sowie entsprechenden Medikamenten versorgen kann…

“Mir spiegeln viele Menschen, dass die aktuelle Situation sie erdet und den Blick auf das Wesentliche schärft, dass Zusammenhalt entsteht und ausgebaut wird und der Schritt ins digitale Zeitalter endlich beschleunigt vollzogen wird. Veränderte Rahmenbedingungen setzen aus meiner Erfahrung immer Kreativität und neue Ideen frei und das bietet auch neue Chancen.

Themenfeld: "Mitarbeiter, Führung und HR"

Du bist von der Ausbildung her Psychologin (Schwerpunkt Personal- und Organisationsent-wicklung) und außerdem systemische Beraterin: Was macht diese Situation mit den Menschen? Welche Effekte erwartest Du für die Führungskräfte und Mitarbeiter in (kleineren) Unternehmen? Was braucht es, um zielgerichtet damit umzugehen?

Ich bekomme auf der einen Seite Unsicherheit und Ängste mit. Auf der anderen Seite spiegeln mir viele Menschen, dass es sie erdet und den Blick auf das Wesentliche schärft, dass Zusammenhalt entsteht und ausgebaut wird und der Schritt ins digitale Zeitalter endlich beschleunigt vollzogen wird. Veränderte Rahmenbedingungen setzen aus meiner Erfahrung immer Kreativität und neue Ideen frei und das bietet auch neue Chancen. Für die Führungskräfte werden die Themen “Kommunikation”, “Krisenmanagement” und “Begleitung in der Veränderung” zentraler als je zuvor. Wenn eine Führungskraft ihren Mitarbeitenden in der Vergangenheit Homeoffice vielleicht nicht zugetraut habe, muss sie das Risiko jetzt eingehen und es versuchen. Es bleibt an vielen Stellen keine andere Wahl. Viele Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Unternehmen, mit denen ich gesprochen habe, setzen auf ihre Geschäftsführung und vertrauen dieser, auch wenn früher öfter sehr zögerlich an solche Themen herangegangen worden ist. 

Wie bewertest Du die Rolle von HR (Human Resources/Human Relations/Personalwesen)? Was kann – oder sogar: muss – HR tun, um eventuell gegenzusteuern und die Organisation weiter zu stabilisieren? 

HR mit seiner Expertise ist in dieser Zeit zu unterschiedlichsten Themen gefragt. Es beginnt mit der Auseinandersetzung von zahlreichen operativen Fragestellungen wie z.B. Umsetzung der Kurzarbeit, Unterstützung bei der Kommunikation zu den Mitarbeitenden bis hin zu Motivation der Mitarbeiter sowie Coaching und Begleitung der Führungskräfte. Auch die rechtlichen Fragestellungen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern in der aktuellen Krise, neueste Vorgaben der Regierung oder der Gesundheitsämter und die Umsetzung von Schutzmaßnahmen betreffen HR in allen Unternehmen. HR hat immer den Blick auf die Menschen im Unternehmen und ist ein wichtiges Sprachrohr zwischen den Mitarbeitern und den Führungskräften.

Die Digitalisierung wird uns durch die Krise führen und gleichzeitig werden wir nach der Krise aufatmen, wenn wir uns auch wieder persönlich treffen und austauschen können. Das schafft soziale Zugehörigkeit. Wir werden beides brauchen und schätzen.”

Themenfeld: "Digitalisierung, Kompetenzen und Mindset"

Welche Sofortmaßnahmen können (kleinere) Unternehmen direkt ergreifen, um weiterhin handlungsfähig zu bleiben? Hast Du aus Deiner Perspektive eventuell ganz konkrete Handlungsanweisungen?

Unternehmen können natürlich kurzfristig auf Maßnahmen wie Kurzarbeit, Kredithilfen etc. zurückgreifen. Außerdem können sie das Arbeiten im Homeoffice weiter vorantreiben und strukturieren. Aber vielleicht haben auch Mitarbeitende, wenn sie bei der ein oder anderen Lösungsfindung beteiligt werden, gute Ideen. Darüber hinaus finde ich die Kommunikation von der Geschäftsführung und den Führungskräften an ihre Mitarbeitenden zentral. Diese dient dazu, um einerseits Klarheit zu schaffen und unnötige Ängste zu nehmen und gleichzeitig, um im guten Austausch zu sein und dadurch ein gestärktes Miteinander zu schaffen. Manchmal hilft es auch, sich einen Blick von außen reinzuholen und durch Fragen eines externen Beraters die Perspektive zu weiten und auf neue Lösungswege zu kommen. 

Welches Mindset bzw. Einstellung und welche Kompetenzen brauchen (kleinere) Unternehmen, um gestärkt aus dieser Krisensituation hervorzugehen? 

Wenn ich überzeugt davon bin, dass wir es schaffen können, dann werde ich mich entsprechend verhalten und alles dafür tun (Phänomen der Selbsterfüllenden Prophezeiung von R.K. Merton). Hingegen werde ich mich hängen lassen, wenn ich nicht daran glaube. 

Und welche Rolle kann Digitalisierung spielen, um Antworten in der Krise zu finden? 

Digitalisierung rückt in den Fokus, da sonst vieles aktuell nicht mehr funktionieren würde. Sie wird uns durch die Krise führen und gleichzeitig werden wir nach der Krise aufatmen, wenn wir uns auch wieder persönlich treffen und austauschen können. Das schafft soziale Zugehörigkeit. Wir werden beides brauchen und schätzen. Digitale HR-Lösungen etwa unterstützen uns dabei diesen Weg erfolgreich gehen zu können.

Themenfeld: "Chancen, Gewinner und Ausblick"

Lass uns eine Plattitüde bemühen: Gemeinhin heißt es, dass jede Krise auch neue Chancen mit sich bringt. Wie siehst Du das? Welche Chancen siehst Du und warum?

Chancen sehe ich wirklich in vielfältiger Hinsicht. Der Zusammenhalt verstärkt sich und alle arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin, “die Krise gut zu meistern”. Die Unternehmen bauen ihre IT Infrastruktur aus, was flexiblere Arbeitsmöglichkeiten eröffnet und die Führungskräfte werden offener für das Thema Homeoffice. Ausufernde, endlose Meetings kann sich niemand mehr leisten, weil es über GotoMeeting, Skype, Microsoft Teams und wie sie alle heißen keiner mehr so lange aushält. Auch sehe ich Chancen in der Qualifizierung und Weiterbildung der Mitarbeitenden. Ich berate z.B. aktuell ein Unternehmen, dass sich bewusst in der Krise entschieden hat, die Zeit zu nutzen und Führungskräfte weiterzuqualifizieren. Das selbe Phänomen kenne ich auch aus der letzten großen Krise in 2008 und 2009. Wichtig ist dabei heute, Weiterbildung in digitalen Formaten zu ermöglichen damit die Mitarbeitenden sich gut von zu Hause aus mit kleinen “Lerneinheiten” intensiv beschäftigen können.

Über unsere heutige HR Expertin: 

Ich bin Dipl.-Psychologin, Systemische Beraterin und Inhaberin der Beratung Entfaltungsraum. Seit 20 Jahren setze ich mich mit menschlichem Verhalten und Veränderungsprozessen auseinander. Gemeinsam mit meinem Team unterstützen wir Unternehmen bei der Transformation ins Homeoffice, bei Kommunikations-, Motivations- und Führungsthemen sowie der Qualifizierung von Fach- und Führungskräften auch in digitaler Form durch vielseitige Lernformate.

Anna Hainzlmaiers Expertise und fachlich-inhaltlicher Hintergrund: 

  • (Wirtschafts- & Organisations-) Psychologie 
  • Veränderungsprozesse/Wandel/Change Management
  • Unternehmenskultur & Werte
  • Organisationsentwicklung
  • Lean Management & Agilität
  • Beratung von Unternehmen in (wirtschaftlichen) Krisensituationen
  • Aufbau von Personalabteilung in wachsenden Unternehmen
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