Wege und Strategien aus der Krise – Experten-Interview mit Claudia Schmitz | Intercommotion

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[München – 16.04.2020] Wir fragen – HR-Experten mit diversen fachlichen Hintergründen antworten. Diese reflektierten Perspektiven und Einschätzungen sollen ein Stück weit dabei helfen, die aktuell für viele unübersichtliche Situation im Zuge der Corona-Krise und die damit verbundene Informationsflut etwas besser zu sortieren: Was sind direkte Auswirkungen, substantielle Herausforderungen, aber auch welche Strategien braucht es und wo ergeben sich Chancen. Es gilt, für uns alle besser zu verstehen, was nun wirklich wichtig ist – speziell für Startups und KMU, aber auch für andere Organisationen. 

“Unternehmen, die Ausbildungsplätze bieten bzw. Auszubildende beschäftigen, müssen auch in Zeiten der Krise eine gute Ausbildung für die Azubis gewährleisten und sie weiterhin möglichst intensiv betreuen – sofern das derzeit überhaupt möglich ist. Das Einstellen von Azubis sehe ich Stand heute aber eher fraglich für den nächsten Ausbildungsstart.

Was tun in der Corona-Krise? Wir fragen HR Experten zu den Herausforderungen, Strategien und Chancen 
(17) … heute mit: Claudia Schmitz von Intercommotion

Anmerkung: Mit der im Folgenden verwendeten Bezeichnung “kleinere Unternehmen” sind primär Startups, KMU und auch Non-Profit-Organisationen in einer Beschäftigtengrößenklasse von bis zu 50 Mitarbeitern gemeint. Gleichwohl treffen die von den Experten genannten Aspekte vielfach auch auf größere Organisationen mit mehreren Hundert oder Tausend Beschäftigten zu. 

Themenfeld: "Risiken, Herausforderungen und Auswirkungen der Krise"

staffboard: Claudia, Du setzt Dich ein “für richtig gute Ausbildung”, damit Betriebe und Azubis gemeinsam in die digitale Zukunft kommen. Welche Herausforderungen siehst Du durch die aktuelle Corona-Krise auf (kleinere) Unternehmen zukommen, speziell im Kontext Deiner Expertise?

Claudia Schmitz: Es gibt mehrere wirkliche Herausforderungen für kleinere Unternehmen. Priorität liegt auf dem Thema Liquidität. Außerdem müssen Unternehmen, die Ausbildungsplätze bieten bzw. Auszubildende beschäftigen, auch in Zeiten der Krise eine gute Ausbildung für die Azubis gewährleisten und sie weiterhin möglichst intensiv betreuen – sofern das derzeit überhaupt möglich ist. Das Einstellen von Azubis sehe ich Stand heute allerdings eher fraglich für den nächsten Ausbildungsstart. Schauen wir uns auch gerne einmal das Beispiel Digitale Berufsschule an. Darunter versteht man Lernplattformen, über die die theoretischen Inhalte des Ausbildungsberufes, die die Berufsschule vermittelt, via Video, Lernhäppchen und per App abgebildet werden. Die Digitale Berufsschule gewinnt muss somit an Bedeutung gewinnen, wenn nicht auf lange Sicht der theoretische Teil der Ausbildung versäumt werden soll, sowie Lernschwache unterstützt werden können. 

Warum ist das Thema Ausbildung aus Deiner Sicht “mission critical” für viele (kleinere) Unternehmen und damit potentiell gefährlich für deren Fortbestehen?

Ganz einfach: Wenn Azubis durch die Prüfung fallen beziehungsweise nicht gut ausgebildet werden, führt das letztlich dazu, dass sie Fachkräftestellen nicht einnehmen oder nicht gut ausfüllen können. Durch das Nicht-Einstellen von Azubis in diesem Jahr fehlen langfristig Fachkräfte im Unternehmen.

Themenfeld: "Mitarbeiter, Führung und HR"

Was macht diese Situation mit den Menschen? Welche Effekte erwartest Du für die Führungskräfte und Mitarbeiter in (kleineren) Unternehmen? Was braucht es, um zielgerichtet damit umzugehen?

Der Umgang mit Stress, Krisen welcher Art und komplexen Problemen ist seit jeher von hoher Bedeutung und wird nun eine noch wichtigere Kompetenz als zuvor. Dies gilt gleichermaßen für Führungskräfte wie auch für “normale” Mitarbeiter und natürlich auch für die Azubis. 

Wie bewertest Du die Rolle von HR (Human Resources / Human Relations / Personalwesen)? Was kann – oder sogar: muss – HR tun, um eventuell gegenzusteuern und die Organisation weiter zu stabilisieren?

Um ehrlich zu sein, ist HR akut überhaupt nicht wichtig, wenn nicht eingestellt wird und auch keine Weiterbildungen stattfinden. Es geht für meisten Unternehmen ums Überleben. Mittelfristig ist HR wieder wichtig, um für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen, möglichst stressfreie Rahmenbedingungen herzustellen und passende Mitarbeiter weiterzuentwickeln.

“Unternehmen können an unterschiedlichen Stellen angreifen und sofort einige Dinge ändern. Dazu gehört etwa die Umstellung des gesamten internen Personalverwaltungssystems in digitale Form.

Themenfeld: "Digitalisierung, Kompetenzen und Mindset"

Welche Sofortmaßnahmen können (kleinere) Unternehmen direkt ergreifen, um weiterhin handlungsfähig zu bleiben? Gibt es eventuell ganz konkrete Handlungsanweisungen, speziell aus Deiner Perspektive als Expertin für das Thema Berufsausbildung?

In der Tat können kleinere Unternehmen an unterschiedlichen Stellen angreifen und quasi sofort einige Dinge ändern. Dazu gehört zum Beispiel die Umstellung des gesamten internen Personalverwaltungssystems in digitale Form. Es sollte möglichst eine Online-Berufsschule zur zusätzlichen Unterstützung geben und dazu ist es nötig, die Ausstattung aller Mitarbeiter mit dem entsprechenden technischen Equipment, der Software und den Zugängen zu gewährleisten. Das hört sich jetzt vielleicht profan an, aber es geht mit dem Grundsätzlichen los: Meistens haben Azubis und technische Mitarbeiter heutzutage noch nicht mal mehr eine eigene E-Mail-Adresse. 

Welches Mindset bzw. Einstellung und welche Kompetenzen brauchen (kleinere) Unternehmen, um gestärkt aus dieser Krisensituation hervorzugehen? Wie zeigt sich das konkret?

Wie für viele Situationen im Leben braucht es auch – und in der Krise umso mehr – Optimismus. Ganz wichtig ist auch die persönliche Einstellung, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern vielmehr gezielt nach Chancen in dieser Krise zu schauen. 

Welche Rolle kann Digitalisierung spielen, um Antworten in der Krise zu finden? Können digitale HR-Lösungen einen Mehrwert bringen?

Digitalisierung spielt aus meiner Sicht eine ganz entscheidende Rolle auf sehr unterschiedlichen Ebenen, um in diesen Zeiten überhaupt arbeitsfähig zu sein. Ein zentraler Anker ist zunächst einmal eine digitale HR-Verwaltung. Weiterhin – beziehungsweise darin integriert – braucht es auch eine digitale Azubi-Verwaltung, etwa mit Berichtsheft, Versetzungsplan etc. E-Learning-Möglichkeiten runden diese digitale Infrastruktur ab.

“Ich glaube, dass diese Krise dazu führt, dass die bisher wenig digitalen Bereiche wie HR und die Berufsausbildung, wenn man es so ausdrücken will, letztlich “zwangsdigitalisiert” werden.”

Themenfeld: "Chancen, Gewinner und Ausblick"

Lass uns eine Plattitüde bemühen: Gemeinhin heißt es, dass jede Krise auch neue Chancen mit sich bringt. Wie bewertest Du das in diesem Kontext? Welche Chancen siehst Du und warum?

Ich glaube, dass diese Krise dazu führt, dass die bisher wenig digitalen Bereiche wie HR und die Berufsausbildung, wenn man es so ausdrücken will, letztlich “zwangsdigitalisiert” werden.

Auch wenn Du keine Hellseherin bist interessiert uns Deine Einschätzung: Welche Unternehmen bzw. Branchen werden aus Deiner Sicht am meisten profitieren, wenn die Krise wieder vorbei ist und so etwas wie “Normalität” einkehrt? Warum gerade die von Dir genannten?

Wenn wir jetzt mal im Bereich von HR und Berufsausbildung bleiben, dann sehe ich diejenigen IT-Unternehmen am Ende der Krise vorne, die diese digitalen Lösungen anbieten. Denn danach werden diese digitalen Prozesse in HR und in der Ausbildung letztlich für jeden wichtig.

Über unseren heutige HR Expertin: 

Ich bin Claudia Schmitz und Expertin für die Themen Generation Z und Berufsausbildung. 2010 habe ich Intercommotion gegründet, eine deutschlandweit tätige Ausbildungsagentur mit dem Ziel, Unternehmen bei richtig guter Ausbildung zu unterstützen und gemeinsam mit ihnen eine zukunftsfähige, auch digitale Ausbildung zu gestalten.

Seit 2020 bin ich Repräsentantin des ERFA “Berufausbildung” der Deutschen Gesellschaft für Personalführung e.V. (DGFP e.V.)

Zudem bin ich ehrenamtlich seit 2014 als Jugendhilfsschöffin beim Amtsgericht Köln tätig und wurde für die Wahlperiode 2019-2023 als Jugendhauptschöffin für das Landesgericht Köln gewählt.

Daneben bin ich auch Autorin von Büchern und für verschiedene Magazine (z.B. managerSeminare und Impulse). In 2018 wurde die Publikation zu “Digitalisierung in der Ausbildung” im Sammelband des GABAL e.V. “Impulse für den digitalen Wandel” veröffentlicht. Im Mai 2020 erscheint das Schulbuch für Auszubildende der Metall-Elektro und IT zu “Arbeitswelt 4.0 Neue Kompetenzen“. Ein weiteres Buch für Ausbildungsverantwortliche erscheint im Herbst 2020.

Claudia Schmitz’ Expertise und fachlich-inhaltlicher Hintergrund: 

  • Digitalisierung (von Unternehmensprozessen)
  • Berufsausbildung 
  • Leadership & Führung 
  • Psychologie (Arbeits-, Wirtschafts-, Organisationspsychologie)
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