Wege und Strategien aus der Krise – Experten-Interview mit Manuel Giese | Concentro

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[München – 05.05.2020] Wir fragen – HR-Experten mit diversen fachlichen Hintergründen antworten. Diese reflektierten Perspektiven und Einschätzungen sollen ein Stück weit dabei helfen, die aktuell für viele unübersichtliche Situation im Zuge der Corona-Krise und die damit verbundene Informationsflut etwas besser zu sortieren: Was sind direkte Auswirkungen, substantielle Herausforderungen, aber auch welche Strategien braucht es und wo ergeben sich Chancen. Es gilt, für uns alle besser zu verstehen, was nun wirklich wichtig ist – speziell für Startups und KMU, aber auch für andere Organisationen. 

“Als die größte Herausforderung derzeit sehen wir das Liquiditätsmanagement sowie die Bewertung der zukünftigen Nachfrageentwicklung, das heißt der zukünftigen Rohertrags- und damit möglichen Kostenentwicklung. (. . .) Unternehmen werden über den Herbst hinaus ein Liquiditätspolster brauchen, um das Fortbestehen nachhaltig zu sichern.

Was tun in der Corona-Krise? Wir fragen HR Experten zu den Herausforderungen, Strategien und Chancen 
(21) … heute mit: Manuel Giese | Concentro Management AG

Anmerkung: Mit der im Folgenden verwendeten Bezeichnung “kleinere Unternehmen” sind primär Startups, KMU und auch Non-Profit-Organisationen in einer Beschäftigtengrößenklasse von bis zu 50 Mitarbeitern gemeint. Gleichwohl treffen die von den Experten genannten Aspekte vielfach auch auf größere Organisationen mit mehreren Hundert oder Tausend Beschäftigten zu. 

Themenfeld: "Risiken, Herausforderungen und Auswirkungen der Krise"

staffboard: Herr Giese, Sie sind zertifizierter Restrukturierungsmanager und beraten seit vielen Jahren Unternehmen unterschiedlichster Branchen in wirtschaftlichen Krisensituationen: Welche Herausforderungen sehen Sie durch die aktuelle Corona-Krise auf (kleinere) Unternehmen zukommen, speziell im Kontext Ihrer Expertise? 

Manuel Giese: Wir sehen aktuell aus den Projekten bei einer Vielzahl unserer Mandanten als die größte Herausforderung das Liquiditätsmanagement sowie die Bewertung der zukünftigen Nachfrageent-wicklung, das heißt der zukünftigen Rohertrags- und damit möglichen Kostenentwicklung an. 
Der (weltweite) beispiellose regulatorische Eingriff hat neben der Unterbrechung des Absatzes und der Supply-Chains zu einem negativen Investitions-Schock in allen Bereichen der Wirtschaft geführt. 
Hier kommt es nun darauf an durch intelligentes Liquiditätsmanagement Wege zu finden, wie Unternehmen ihre Fixkosten-Belastung reduzieren können, und gleichzeitig die variablen Kosten so gering wie möglich halten und die staatlichen Unterstützungs-Maßnahmen einsetzen, um einigermaßen durch diese außergewöhnliche Situation zu kommen. Zur Unterstützung haben wir auf unserer Website eine kurze Zusammenstellung der aktuellen Unterstützungs-Maßnahmen zusammengestellt, die den Unternehmen aktuell helfen können. Es handelt sich dabei um ein kostenfreies Analyse-Tool rund um Förderprogramme und staatliche Hilfen, mit dem man das Hilfsprogramm findet, welches am besten zur eigenen Unternehmensform und der individuellen Situation passt (Anmerkung d. Red.: Corona und seine Folgen – Soforthilfen für Unternehmen).

Warum ist das aus Ihrer Sicht “mission critical” für viele (kleinere) Unternehmen und damit potentiell gefährlich für deren Fortbestehen? 

Das Liquiditätsmanagement ist in der aktuellen Situation umso wichtiger, da zwar die Pflicht zur Anmeldung der Insolvenz für eine durch Covid-19 bedingte Zahlungsunfähigkeit aktuell theoretisch bis September 2020 ausgesetzt wurde, jedoch nicht davon auszugehen ist, dass sich die Lage im Herbst entspannt und es dann absehbar zu entsprechenden Nachhol-Effekten kommen wird. 
Sowohl Investitionen der Industrie als auch private Investitionen der Gesellschaft werden aktuell auf den Prüfstand gestellt und nicht notwendige Investitionen verschoben. 
Kurzarbeit und der unsichere Blick in die Zukunft werden die Gesellschaft noch länger begleiten und damit privaten Konsum und somit auch Investitionen der Industrie weiter verschieben.
Das bedeutet, dass Unternehmen über den Herbst hinaus ein Liquiditätspolster brauchen, um das Fortbestehen nachhaltig zu sichern.

HR ist der Moderator und muss versuchen die Kompromisse zu erarbeiten, die allen Beteiligten soweit möglich gerecht werden. Dies betrifft sowohl die Unternehmensführung, die das Große und Ganze im Blick haben muss, als auch die Mitarbeiter und ihre individuelle Situationen.

Themenfeld: "Mitarbeiter, Führung und HR"

In Ihren Restrukturierungsprojekten wirken Sie darauf hin, für alle Beteiligten die beste Lösung zu erringen: Was macht so eine Situation mit den Menschen? Welche Effekte erwarten Sie für die Führungskräfte und Mitarbeiter in (kleineren) Unternehmen? Was braucht es, um zielgerichtet damit umzugehen?

Diese Situation verursacht einen hohen Grad an Planungs-Unsicherheit, etwa in Bezug auf  Beschäftigung, Einkommen etc. 
Es ist wichtig, dass Führungskräfte und Mitarbeiter in beide Richtungen offen miteinander kommunizieren und gemeinsam über Möglichkeiten nachdenken diese Situation unter angemessener Würdigung der Bedürfnisse des Unternehmens und der Arbeitnehmer zu beantworten. 
Es ist zwar möglicherweise dem Unternehmen anteilig geholfen über Kurzarbeit die Liquidität zu stärken. Aber auch Mitarbeiter haben möglicherweise finanzielle Verpflichtungen denen sie nachkommen müssen und das aufgrund der Lohn- und Gehaltseinbußen gegebenenfalls nur erschwert können.
Von Relevanz ist also eine ausreichend frequente und transparente Kommunikation mit den Mitarbeitern zur Ertrags- und Liquiditätslage sowie zur akquisitorischen als auch gesamtheitlichen Lage des Unternehmens und der daraus kurz- und mittelfristig möglicherweise resultierenden Veränderungen beziehungsweise Anpassungen.

Wie bewerten Sie die Rolle von HR (Human Resources / Human Relations / Personalwesen)? Was kann – oder sogar: muss – HR tun, um eventuell gegenzusteuern und die Organisation weiter zu stabilisieren?  

HR ist hier der Moderator und muss versuchen die Kompromisse zu erarbeiten, die allen Beteiligten soweit möglich gerecht werden. Dies betrifft sowohl die Unternehmensführung, die das Große und Ganze im Blick haben muss, als auch die Mitarbeiter und ihre individuelle Situationen.

Unternehmen brauchen in dieser Situation mehr denn je ein sehr offenes, kreatives und zukunfts-orientiertes Mindset. Es sind zahlreiche schwierige Fragen in kürzester Zeit zu beantworten und hierbei dürfen keine Handlungs- und Denkbeschränkungen mögliche Lösungsansätze verhindern.

Themenfeld: "Digitalisierung, Kompetenzen und Mindset"

Welche Sofortmaßnahmen können (kleinere) Unternehmen direkt ergreifen, um weiterhin handlungsfähig zu bleiben? Gibt es eventuell ganz konkrete Handlungsanweisungen speziell aus Ihrer Perspektive und aus der Praxiserfahrung in Ihren Projekten? 

Wie schon erwähnt, haben wir auf unserer Website einen kurzen Flyer zusammengestellt, der auf die staatlichen Unterstützungs-Maßnahmen eingeht, die Unternehmen kurzfristig in Anspruch nehmen können. Weiterhin muss das Unternehmen detailliert durch die Kostenstruktur gehen und Positionen identifizieren, die gegebenenfalls Handlungsspielräume für Reduzierung, Streckung, Stundung etc. bieten. 
Darüber hinaus muss das Mindset von Unternehmen in dieser Situation mehr denn je sehr offen, kreativ und zukunftsorientiert sein. Es gilt schnell Lösungen zu finden, um die aktuelle Situation zu meistern. So fragen sich viele Unternehmen, ob es das Geschäft in irgendeiner Weise digitalisieren kann, um trotz der Schließungen Umsätze zu generieren. Wie kann ich als Unternehmen meine unterbrochene Supply-Chain wieder in Gang setzen? Kann ich die fehlenden Teile doch selbst herstellen oder wo gibt es alternative Quellen? Kann ich meine Produktionskapazitäten nutzen um andere, derzeit nachgefragte Produkte herzustellen? All diese beispielhaften Fragen und noch viele mehr gilt es in kürzester Zeit zu beantworten und hierbei dürfen keine Handlungs- und Denkbeschränkungen mögliche Lösungsansätze verhindern.

Welches Mindset bzw. Einstellung und welche Kompetenzen brauchen (kleinere) Unternehmen, um gestärkt aus dieser Krisensituation hervorzugehen? Wie zeigt sich das konkret? 

Dies ist zum einen “Follow the money” und außerdem “Facts don’t lie”. Das heißt, man muss erstens offen und konsequent mit der eigenen (monetären) Situation umgehen sowie zweitens keine unüberlegten Entscheidungen treffen (im Sinne von sauber Planen und Controllen) – aber solche, die nach Faktenlage unausweichlich, sind auch nicht hinauszögern. 

Welche Rolle kann Digitalisierung spielen, um Antworten in der Krise zu finden? Können digitale HR-Lösungen hier einen Mehrwert bringen? 

Mittel- und Langfristig ja, in der direkten Krise sind digitale Lösungen jedoch nicht geeignet beziehungsweise nicht direkt wertschöpfend, denn sie können nur im „Backend“ Nutzen stiften. In klassischen Krisen ist der direkte 1:1-Austausch von wesentlichem Nutzen in der Kommunikation und Durchsetzung von Veränderungen.

Viele Unternehmen werden ihre Geschäftsmodelle angepasst haben – ein Schritt, den man ohne diese Krisensituation vielleicht nie gemacht hätte, nun aber feststellt, dass es vielleicht auch anders als bisher oder vielleicht auch besser als bisher geht.

Die Gesellschaft wird darüber nachdenken, ob man für eine erhöhte Versorgungssicherheit nicht bereit ist, für einzelne Güter möglicherweise einen höheren Preis zu bezahlen, damit diese wieder in Deutschland hergestellt werden können.

Themenfeld: "Chancen, Gewinner und Ausblick"

Lassen Sie uns an dieser Stelle eine Plattitüde bemühen: Gemeinhin heißt es, dass jede Krise auch neue Chancen mit sich bringt. Wie bewerten Sie das in diesem Kontext? Welche Chancen sehen Sie und warum? 

Die oben beschriebenen Fragestellungen, die sich viele Unternehmen aktuell stellen, bergen erhebliche Chancen für die Zukunft. 
Jede Krise bietet die Möglichkeit für Unternehmen ihr Geschäftsmodell zu überdenken und an der ein oder anderen Stelle zu verändern oder zu schärfen. Es wird mit Sicherheit in der Industrie ein Umdenken beziehungsweise Reevaluation im Hinblick auf die (globalisierten) Lieferketten und eigene  Wertschöpfungstiefe geben. 
Viele werden ihre Geschäftsmodelle angepasst haben – ein Schritt, den man ohne diese Krisensituation vielleicht nie gemacht hätte, nun aber feststellt, dass es vielleicht auch anders als bisher oder vielleicht auch besser als bisher geht. 
Weiterhin wird die Gesellschaft nachdenken, ob man für eine erhöhte Versorgungssicherheit nicht bereit ist, für einzelne Güter möglicherweise einen höheren Preis zu bezahlen, damit diese wieder in Deutschland hergestellt werden können. 
Diese und viele weitere Fragen bieten Chancen für die Zukunft und können zu einer Stärkung der zukünftigen Positionierung führen.

Auch wenn Sie kein Hellseher sind interessiert uns Ihre Einschätzung: Welche Unternehmen beziehungsweise Branchen werden aus Ihrer Sicht am meisten profitieren, wenn die Krise wieder vorbei ist und so etwas wie “Normalität” einkehrt? Warum gerade die von Ihnen genannten? 

Das ist kein Geheimnis: Alle digitalen Geschäftsmodelle werden gestärkt aus der Krise hervorgehen, da die Gesellschaft nun seit einigen Wochen teilweise gar nicht anders kommunizieren, einkaufen oder arbeiten kann.

Manuel Giese | Concentro Management AG

Manuel Gieses Expertise und fachlich-inhaltlicher Hintergrund: 

  • Beratung von Unternehmen in (wirtschaftlichen) Krisensituationen
  • Unternehmensfinanzierung
  • Unternehmensstrategie
  • Gestaltung von Veränderungsprozessen / Change Management

Über unseren heutigen HR Experten: 

Ich bin Manuel Giese, Partner und Vorstand bei der Concentro Management AG. Als Diplom-Kaufmann und zertifizierter Restrukturierungsmanager verfüge ich über eine breite Expertise in den Bereichen Automobil(zuliefer)industrie, Maschinen- und Anlagenbau sowie Logistik/Transport und in der (Büro-)Möbelbranche. Fachlich liegen meine Schwerpunkte auf den Themen Restrukturierung und Sanierung sowie strategische Neuausrichtung von Unternehmen.

Concentro ist eine mittelstandsorientierte Berat-ungsgesellschaft mit rund 40 Mitarbeitern an vier Standorten in Deutschland: Nürnberg, München, Leipzig und Stuttgart. Mit Know-how und Finger-spitzengefühl begleiten und bewältigen unsere Berater unternehmerische Umbruchsituationen. Als Partner für Transparenz, Transaktion und Turnaround ist dabei umsetzungs-, ziel- und erfolgsorientiertes Handeln unsere oberste Maxime. 
Unsere Schwerpunkte liegen in den Bereichen Transparenz (Unternehmensentwicklung und -steuerung), Transaktion (Corporate Finance / M&A) und Turnaround (Restrukturierung und Sanierung).

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